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Philosophie der Raum-Zeit-Lehre. (German) JFM 54.0937.17
Berlin: W. de Gruyter & Co. vi, 380 S., 50 Fig., 1 Tafel (1928).
Verf. untersucht in dem vorliegenden Werk die erkenntnistheoretischen Grund lagen der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie; den mehr physikalisch axiomatischen Grundlagen ist dabei ein größerer Raum gewidmet als den erkenntnistheoretischen Fragen im engeren Sinne. Mathematische oder physikalische Vorkenntnisse werden im großen und ganzen vom Leser nicht verlangt; zwar werden häufig Überlegungen angestellt, die dem nicht entsprechend vorgebildeten Leser unverständlich bleiben müssen, jedoch so, daß sie das Verständnis des Ganzen kaum beeinträchtigen dürften.
Das Buch ist in drei Abschnitte eingeteilt: I. Raum, II. Zeit, III. Raum und Zeit. Ein Anhang behandelt “Die Weylsche Erweiterung des Riemannschen Raumbegriffs und die geometrische Deutung der Elektrizität”.
Im ersten Abschnitt wird zunächst aus der Tatsache des definitorischen Charakters der Längenvergleichung heraus die physikalische Denkbarkeit der Riemannschen Geometrie entwickelt und die Stellung der Geometrie in der Mathematik dargelegt. Der größte Teil des Abschnittes ist naturgemäß der Erörterung der Anschaulichkeit nichteuklidischer Geometrien gewidmet. Neben sehr geschickt gewählten Beispielen, die der Veranschaulichung im großen nichteuklidischer Geometrien dienen, findet man hier auch mehr philosophisch gerichtete Überlegungen, die den Begriff „Anschauung“ klären sollen: Verf. findet im Gegensatz zu Kann den Ursprung der normativen Funktion der Anschauung nicht in der Anschauung, sondern in der Logik.
Im zweiten Abschnitt beschäftigt sich Verf. mit der Definition der Zeiteinheit und mit den Methoden, Zeitintervalle zu messen, sowie mit der relativistischen Definition der Gleichzeitigkeit.
Den dritten Abschnitt beginnt Verf. mit den Grundlagen der speziellen Relativitätstheorie. Die ganze Anlage des Buches bringt es mit sich, daß hier die eine Quelle der Relativitätstheorie, die Gleichzeitigkeitsdefinition, im Vordergrund steht; vielleicht wäre aber doch eine stärkere Betonung der anderen Quelle, der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, von Nutzen gewesen; der unbefangene Leser könnte glauben, die Relativitätstheorie sei allein aus ohne weiteres plausiblen Annahmen ableitbar. Weiter werden im dritten Abschnitt die Grundbegriffe der allgemeinen Relativitätstheorie entwickelt; die Darstellung steht hier mehr unter dem Einfluß mathematischer und physikalischer Ausdrucksweisen; das Prinzipielle in dieser Hinsicht ist ja bereits im ersten Abschnitt gesagt.
Der Anhang behandelt die Weylsche Theorie der Elektrizität. Ref. hat den Eindruck, daß Verf. die Weylsche Theorie doch nicht so interpretiert, wie sie ihr Urheber verstanden hat.
Ref. fürchtet ferner, daß mehrere Abweichungen des Verfassers von der mathematisch-physikalischen Terminologie und ihrer exakten Handhabung zu Mißverstandnissen Anlaß geben können, hofft aber andererseits, daß sie den Wert nicht beeinträchtigen können, der für den Laien in der vom Verf. recht geschickt durchgeführten Verbildlichung mathematisch-physikalischer Methoden liegt. (12.)
Weitere Besprechungen: M. Schlick; Naturwissenschaften 17 (1929), 549. A. Einstein; Deutsche Literaturzeitung 1928, 19-20. E. Freundlich; Physikal. Z. 29 (1928), 590-591.

MSC:
00A30 Philosophy of mathematics
00-02 Research exposition (monographs, survey articles) pertaining to mathematics in general
83A05 Special relativity