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Collected works and letters. Series 8. Works on natural sciences, medicine, and technology. Vol. 2: 1668–1676. Edited by Hartmut Hecht, Eberhard Knobloch, Paolo Rubini, Harald Siebert and Sebastian W. Stork with the collaboration of Vladimir Kirsanov and Achim Trunk. (Sämtliche Schriften und Briefe. Reihe 8. Naturwissenschaftliche, medizinische und technische Schriften. Band 2: 1668–1676.) (German, Latin, French) Zbl 1375.01055
Berlin: de Gruyter/Akademie Forschung (ISBN 978-3-11-039965-3/hbk). xlvii, 833 p. (2016).
Der zweite Band mit Leibniz’ naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Schriften aus den Mainzer und Pariser Jahren enthält 77 Stücke aus den Gebieten Astronomie, Magnetismus, Mechanik, Meteorologie, Physik, Anatomie, Botanik, Chemie und Medizin, vier Beiträge Vermischtes und 18 Nachträge zu den optischen und technischen Schriften des ersten Bandes. Wie schon im ersten Band stößt man immer wieder auf Auszüge aus Vorlagen anderer Autoren, aber überwiegend handelt es sich um Aufzeichnungen, Notizen, Entwürfe und sogar Reinschriften.

Astronomie und Magnetismus fallen vergleichsweise gering aus; die beiden Stücke zur Astronomie sind zudem nur Auszüge. Die Stücke zur Meteorologie, Physik und Anatomie sind ausschließlich Auszüge, unter anderem aus Descartes’ Nachlass, den Leibniz einsehen konnte und der später verloren ging.

Die Mechanik nimmt rund die Hälfte des Bandes und wurde nochmals in sieben Bereiche unterteilt: Allgemein, Bewegung, Festigkeit, Kraft, Reibung, Spezielle Probleme, Stoß. Aber nicht nur dem Umfang nach macht die Mechanik den größten Anteil aus, sondern mit Fragen aus der Mechanik hat Leibniz sich auch am eingehendsten beschäftigt, und so stammen die Reinschriften bis auf eine Ausnahme aus der Mechanik.

Als Einstieg in Leibniz’ Mechanik eignen sich ausgezeichnet seine Überlegungen in dem neunten Stück (S. 107–121), die aus einer umfangreichen Auseinandersetzung mit John Wallis’ Mechanica hervorgegangen sind (S. 64–106). In den Stücken über Bewegung geht es um den Fall und das Pendel; ans Herz gelegt sei die abschließende kurze Aufzeichnung De motu et effectu (S. 160–163) wegen der Betrachtungen zum Kraftbegriff.

Wenn Leibniz sich in der Festigkeitslehre mit dem Widerstand und der Bruchfestigkeit eines Balkens beschäftigt, dann gehen zuerst die entsprechenden Abschnitte aus Galileis Discorsi zu Bruch. Leibniz erhebt inhaltliche Einwände gegen Galilei, methodische Einwände gegen Galilei, tadelt Beweise Galileis oder vermisst mathematische Beweise Galileis: Die Festigkeitslehre der Discorsi scheint in großen Teilen eine Erstsemesterarbeit zu sein, mag man zwischendurch denken. Später hat allerdings Leibniz nachgetragen, er sei damals ein Anfänger in jener Sache gewesen. Doch den Leser möge Leibniz’ Eingeständnis nicht von dem Vergnügen abschrecken, zunächst am zweiten Tag der Discorsi Salviati, Sagredo und Simplicio zu lauschen, dann über Leibniz’ Einwände nachzudenken und sich zu fragen, was und wie Salviati wohl entgegnet hätte.

Bei seinen Überlegungen zur Kraft möchte Leibniz vor allem das Maß der Kraft bestimmen und stellt zu diesem Zweck Gedankenexperimente mit einem rotierenden Rad an. Wie diese Stücke, so verdienen auch die sorgfältigen Betrachtungen über Reibung ein ebenso sorgfältiges Studium – nicht zuletzt wegen der mehrfachen Anwendung infinitesimaler Berechnungen, aber vor allem weil Leibniz zeigt, wie gründlich er über Reibung nachgedacht hat und wie gewissenhaft er empirische Faktoren berücksichtigt, die sich auf die Reibung auswirken können.

Über medizinische Fragen hat Leibniz sich schon während seiner Mainzer Jahre 1668–1672 den Kopf zerbrochen; fast alle Stücke, die in diesem Band aus der Mainzer Zeit stammen, gehören zur Medizin. Er rühmt “Moralia” und “Medicina” vor allen anderen Wissenschaften (S. 647) und zeigt insbesondere in dem Stück 69 eindrucksvoll, wie wichtig ihm der Nutzen einer Wissenschaft ist; und so gebühre dem Mikroskop der Vorzug gegenüber dem Fernrohr, und es sei wichtiger, die Heilung einer Krankheit als die Quadratur des Kreises zu entdecken. Darum verwundert es nicht, wenn die einzige Reinschrift außerhalb der Mechanik eine Reinschrift mit Vorschlägen und Wünschen zur Verbesserung des Gesundheitswesen ist. Auch fast dreieinhalb Jahrhunderte später sind Leibniz’ Vorschläge keinesfalls gänzlich überholt und enthalten zudem so manche Anregung jenseits heutiger Schulmedizin, die ein Nachdenken lohnen.

Hervorgehoben aus den Nachträgen zur Technik seien drei Pläne, ein Perpetuum mobile zu entwickeln, und Leibniz’ Überlegungen, genauer gehende Uhren zu bauen.

“Ieder mus achtung geben, was das jenige sey, so ihn in der Welt am meisten delectire.”, heißt es in Leibniz’ medizinischen Richtlinien, und wer an ‘Theoria cum praxi’ seine helle Freude hat, der sollte sich den vorliegenden Band als Freudenbecher gönnen.

MSC:
01A75 Collected or selected works; reprintings or translations of classics
01A45 History of mathematics in the 17th century
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